DELV-Text Seiten 11/12

(Mittwoch, 29. April 2009 – Klasse Automobilassistenten 1. Lehrjahr)

Vorbereitung

Ich stelle mir in der Vorbereitung zwei Fragen:

  • Wie viel (mengenmässig) will ich in einer ersten Etappe mit der Klasse erarbeiten?
  • Was will ich zur Förderung des Textverständnisses tun:
    • vor der Lektüre (Vorentlastung)?
    • während der Lektüre?
    • nach der Lektüre?


Ich lese den Text aufmerksam und überlege, wo für meine Lernenden die Stolpersteine liegen könnten, in wie grosse Portionen ich den Text unterteilen will und welches methodische Vorgehen sinnvoll wäre.

Geplanter Lektionsablauf

Ich entschliesse mich, den Text in drei Portionen zu unterteilen, bei Teil 1 und 2 das gleiche didaktische Vorgehen zu wählen und im Teil 3 das didaktische Vorgehen zu verändern:

  • Aufblenden des Titels ab Folie. Die Lernenden äussern spontan, wie sie diese Frage beantworten würden, bevor sie den Text gelesen haben.
  • Teil 1:
    1. Kapitel (Können die Intelligenz, das Lernen und das Denken trainiert werden) in individueller Still-Lektüre.
    Vorentlastung: An der Tafel steht
      Laie = Nicht-Fachmann
    Modelle = Vorbilder
    tadeln = das Gegenteil von loben (missbilligen)
  • An der Tafel steht die Frage: „Welche Aussage(n) ist/sind für euch in diesem Kapitel wichtig?“
  • Lernende machen Aussagen, Lehrperson erstellt ein Stichwortprotokoll an der Tafel.
    Diskussion nach Bedarf.
  • Teil 2:
    2. Kapitel Seite 11 in individueller Still-Lektüre und analoges Vorgehen wie Teil 1.
  • Teil 3:
    Eine Halbklasse streicht die fünf für sie wichtigsten Begriffe an.
    Eine Halbklasse streicht die Wörter an, die Sie nicht verstehen.


Geschätzter Zeitbedarf    Textarbeit S. 11/12                    30 Min.

Erfahrungsbericht aus der Lektion:

  • Teil 1
    Bereits nach dem Aufblenden der Frage entsteht eine spontane lebendige Diskussion und die Lernenden stellen Fragen. Ein Lernender hat bei einer IV-Abklärung offenbar einen Intelligenztest ausgefüllt und 85 Pt. erzielt. Er weiss, dass dies nicht ein besonders hoher Wert ist. Ich nehme die Diskussionsbeiträge entgegen, ohne sie zu kommentieren.
  • Ich teile die Textseite 11/12 aus und gebe bekannt, dass der Text in drei Teilschritten erarbeitet werden soll. Die Lernenden sind aber bereits ins Lesen des ersten Kapitels vertieft.
  • Gegen Ende der kurzen Lesezeit zeige ich die Frage an der Tafel: „Welche Aussage(n) ist/sind für euch in diesem Kapitel wichtig?“ Die Antworten (Tafelprotokoll):
     
    • Es kommt auf die Eltern an
    • Die Kinder ahmen die Eltern nach
    • Die Kinder sind wie die Eltern
    • Die Erziehung der Kinder ist ganz wichtig
    • Die Eltern helfen den Kindern die Welt zu verstehen
    Ich schreibe das Sprichwort „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ an die Tafel und frage, was dieses Sprichwort für sie bedeutet.
    Ich weise darauf hin, dass man als junger Mensch auch die Möglichkeit hat, dem Beispiel der Eltern nicht zu folgen, und einen andern, einen eigenen Weg zu wählen. Als Beispiel erzähle ich aus meinem eigenen Leben: Mein Vater litt an Alkoholismus, die Familie auch und in mir reifte je älter ich wurde der Entschluss: Das soll sich in meiner Familie nicht fortsetzen. Spontan stelle ich die Frage: „Gibt es für euch auch Gegebenheiten, in denen ihr euren Eltern nicht zu folgen gedenkt?“ …. und dann habe ich alle Mühe die entstandene Diskussion in Bahnen zu halten und zu beenden. Ich stelle den Lernenden in Aussicht, dass im Teil 2 auch noch Informationen zu diesem Thema stehen.
  • Teil 2
    Spontan lesen sie weiter bis Seite 11 unten. Ein Lernender beendet die Lektüre mit der Frage: Was ist gemeint mit „Kultur“? Ich warte, bis alle fertig sind mit der Lektüre, gebe die Frage in die Klasse zurück und stelle fest, dass die Antworten einen sehr eingeengten Kulturbegriff wiedergeben. Ich entschliesse mich zur Definition: „Kultur ist alles, was der Mensch einzeln oder in Gruppen durch sein Gehirn gesteuert zu leisten imstande ist“, gebe ein paar Beispiele dazu: Musik, alles was geschrieben ist, Esskultur, Sport, Kleidung, Frisur, Gebäude, Reisen und vieles anderes mehr.
    Offenbar hat die Diskussion aus dem Teil 1 viel der emotionalen Ladung voraus genommen und allmählich sind die Lernenden auch müde.
  • Teil 3 (S. 12 obere Hälfte)
    Nach der individuellen Still-Lektüre entsteht eine Diskussion über das Unabhängigwerden. Ich zeichne zwei, sich ergänzende Figuren an die Tafel
                                                                         

    und fordere die Jugendlichen auf, in eigenen Worten zu beschreiben, was ich mit der Zeichnung ausdrücken wollte. Die Antworten zeigen mir, dass die Lernenden verstanden haben, dass ihre Selbständigkeit im Zunehmen begriffen ist.
    Abschlussfrage: „ Wann bezeichnen Sie eine Person als „selbstständig?“
    Anworten:
    • Wenn sie vernunftgemäss handeln kann
    • Wenn ihr Leben nicht von andern abhängig ist
    • Wenn sie sich selbst steuern kann


Ich stelle in Aussicht, dass wir immer an den Schultagen am Text weiterarbeiten, wenn vier Lektionen ABU auf dem Stundenplan stehen, also alle zwei Wochen. In den dazwischen liegenden Wochen (2 Stunden-Block) lösen wir pro Schultag eine Aufgabe.

Reflexion

  • Der Text ist anspruchsvoll, kann aber mit Klassen der 2-jährigen Grundbildung gut bearbeitet werden.
  • Ich habe die Lernvoraussetzungen der Lernenden realistisch eingeschätzt. Der gewählte Textumfang und die Erarbeitung in drei Etappen hat sich bewährt.
  • Ich bin überrascht und erfreut über die Reichhaltigkeit dieser 30 Minuten-Lektion: In ganz kurzer Zeit erfuhr ich viel Persönliches von den Lernenden.
  • Das Thema ist für die Lernenden interessant, sie hätten noch viel zu erzählen. Ich werde im Themenkreis „Familie und Freunde“ diese Fragen wieder aufnehmen und einen Text schreiben lassen mit dem Arbeitstitel „So wurde ich erzogen – so würde ich erziehen“.
  • Ich habe den Eindruck, dass wir mit dem Bearbeiten dieses Textes ein Stück wertvolle Spracharbeit geleistet haben.